Bauen und Kaufen

Wohntraum erfüllt: Ein Antiquitätenliebhaber lebt im umgebauten Kino

Sira Huwiler-Flamm

Am Burgfelderplatz in Basel hat sich Antiquitätenliebhaber Andreas einen 600 Quadratmeter Cityloft-Traum erfüllt. Das älteste Ton-Lichtspielhaus der Schweiz, aus dem Jahr 1929, bietet seinen Sammlerschätzen und ihm ein neues Zuhause – mit musealem Charakter.

Andreas Häner sitzt auf seiner Treppe aus den 1950er-Jahren – im Hintergrund sind zwei Flügeltüren zu sehen.
© Natascha Vavrina

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Am Anfang ist die Vorstellungskraft

Wohnen in einem ehemaligen Erotik-Kino? Was schmuddelig tönt, wird für den 54-jährigen Andreas Häner in diesem Jahr Realität. Und ganz so verrucht ist die Vergangenheit des Art-déco-Gebäudes am Burgfelderplatz auch nicht: 1929 wurde das Corso als erstes für den Tonfilm ausgestattetes Kino erbaut und 1931 eröffnet – und ist damit das älteste Ton-Lichtspielhaus der Schweiz. Erst ab Mitte der 70er-Jahre, mit der Legalisierung von Pornografie in der Schweiz, stellte es auf Filme mit Nacktszenen um. Seit der Schliessung 2011 stand der Kino-Gebäudeteil leer.

«Als ich im Januar 2016 das erste Mal zur Besichtigung in diesem riesigen Saal stand, dachte ich: Das ist ein 375 Quadratmeter grosser Albtraum», erinnert sich Häner. «Komplette Dunkelheit, kein einziges Fenster, einfach eine riesige, unbenutzbare dunkle Halle.» Aber dem ersten Schockmoment zum Trotz fühlt er damals auch sofort: «Das ist mein neues Zuhause.» Hunderte Interessenten hatten sich in den fünf Jahren des Leerstands die Immobilie angesehen, doch keiner wollte sie. «Der Aufwand, Licht ins Dunkle zu bringen, hat sie abgeschreckt», lacht Häner, «und die Vorstellungskraft, was man aus dem düsteren Loch alles machen kann, hat ihnen wahrscheinlich gefehlt.»

Sein grosses Glück, denn: «Durch den langen Leerstand war der Preis im Keller.» Sofort erkennt der gebürtige Berner, der seit Jahrzehnten Antiquitäten und Kunstwerke sammelt und Kunst- und Architekturgeschichte studiert hat: «Die fast sieben Meter hohen Decken ermöglichen eine zweite Etage – und damit rund 600 Quadratmeter Wohnfläche, die viel Platz für meine zahlreichen Sammlerschätze bieten.»

In der zentralen Halle der Wohnung hängt ein riesiger Kronleuchter von der Decke. Der grosse Raum ist mit Sammlerstücken gefüllt, beherbergt eine Bibliothek und eine wohnliche Sitzgruppe.

Das Herzstück der Wohnung: Aus dem alten Kino-Vorstellungssaal ist eine zentrale Halle mit Bibliothek, Kronleuchter und wohnlicher Sitzgruppe entstanden.

Der Umbau: vom Kinosaal zur Maisonettewohnung

Gemeinsam mit einem Architekten macht er sich an die Planung: «Die Möglichkeit, in einem bestehenden Haus mitten in der Stadt ein völlig neues Haus zu bauen, fand ich faszinierend.» Auch aus Denkmalschutzgründen bleibt die Gebäudehülle im Originalzustand. Doch aus dem gigantischen Kinosaal entsteht eine Maisonettewohnung mit einer zentralen Halle und einer umlaufenden Galerie. Ein riesiges Dachfenster macht den einst düsteren Saal zum lichtdurchfluteten Herzstück der Wohnung.

Andreas steht während der Bauarbeiten inmitten des grossen, noch leeren, Saals. Im Hintergrund bauen Handwerker Regale auf. Er blickt stolz den riesigen Kronleuchter über ihm an.

Während der Bauarbeiten ist der grosse Saal noch leer – aber Andreas malt sich schon aus, wie er den Raum mit Sammlerstücken und Geschichte füllen wird.

Im grossen Saal sind zahlreiche Antiquitäten verbaut: zwei rote Sandsteinsäulen aus einer abgerissenen barocken Bibliothek in Colmar, eine Treppe aus den 1950er-Jahren, Flügeltüren etwa aus dem Jahr 1900, ein hölzernes Balkongeländer aus einem Antiquariat in Bern.

Antiquitäten verbaut: Die roten Sandsteinsäulen stammen aus einer abgerissenen barocken Bibliothek in Colmar, die Treppe stammt aus den 1950er-Jahren, die Flügeltüren etwa aus dem Jahr 1900, das Balkongeländer fand Andreas in einem Antiquariat in Bern.

Grosse Metallregale im Industrial-Look stehen in der zentralen Halle bis unter die Decke, die freischwebende Treppe verbindet die beiden Ebenen.

Grosse Regale im Industrial-Look stehen bereit für die vielen gesammelten Kunstschätze.

Im zweiten Stock befinden sich ein Schlafzimmer, zwei Gästezimmer, eine moderne Küche, ein Badezimmer und ein Salon, der seinen Wohntraum komplett macht. Ein besonderes Augenmerk legt Häner beim Innenausbau auf die nachhaltige Wiederverwendung von Materialien und Elementen aus abgerissenen oder sanierten Häusern – und damit auf die Wertschätzung antiker Baumaterialien: Eine Treppe aus den 1950er-Jahren ist der Hingucker des grossen Saals. Vier Säulen aus rotem Sandstein, die aus einer abgerissenen barocken Bibliothek in Colmar stammen, dienen der Statik. Ein aufwendig verziertes hölzernes Balkongeländer und ein verschnörkeltes, schmiedeeisernes Jugendstilfenster (beides um 1900) sind neben vielen weiteren Fenstern, Türen und Säulen aus historischen Baubeständen ebenfalls im Loft verbaut. «Ich schenke diesen Schönheiten ein zweites Leben und habe eine Riesenfreude daran», sagt er stolz.

Eine weisse Wanne und Spiegel, die vom Boden bis zur Decke ragen, prägen das Bild des Badezimmers.

Das Badezimmer ist Andreas’ Lieblingsraum: Während der Bauarbeiten fehlt der Kronleuchter noch, der den Raum zu seinem kleinen Spiegelsaal von Versailles macht.

Die Küche mit glatten grauen und weissen Flächen und schlichten Formen, im Hintergrund sind Glastüren zu sehen.

Gewollter Stilbruch: Die Küche mit glatten Flächen und schlichten Formen und Farben ist topmodern.

Drei Jahre dauert der Umbau und kostet samt Immobilienkauf rund 2,2 Millionen Franken. «Durch eine günstige Hypothek und ein vertrauensvolles Verhältnis mit meiner Bank konnte ich mich so richtig verwirklichen und mein üppig gefülltes City-Loft ohne Abstriche so gestalten, wie ich es wollte», freut sich Andreas Häner. «Auch wenn der Umbau jede Menge Kraft, Zeit und Geld gekostet hat und mich manche Brandschutz- und Bauauflagen bis zur Verzweiflung getrieben haben: Ich lebe meinen Traum, der Kampf hat sich gelohnt – was kann es Schöneres geben?»

Die Gestaltung: Museumsträume wahr werden lassen

Seit August 2020 sind die Bauarbeiten endlich abgeschlossen. Und Häner kann sich seither kreativ austoben, indem er seinen gesammelten Kunst- und Antiquitätenschätzen einen neuen festen Platz zuweist: «Ich liebe es, historisch aufgeladene Räume zu schaffen – Fantasieorte, die vor Geschichte strotzen.» Antike Möbelstücke und Designelemente seien für ihn wie Zeitkapseln: «Ob ein gut geknüpfter Teppich, ein detailliert ausgearbeitetes Kunstwerk oder ein hochwertiges Polstermöbelstück aus längst vergangener Zeit – das alles berührt mich und hat die Kraft, mich von einem Moment auf den anderen in eine andere Zeit zu katapultieren.»

Auf einem aufwendig geknüpften Teppich stehen ein hölzerner Sekretär, Stühle und eine Chaiselongue mit blauem Samtbezug; an der Wand hängen Bilder.

Ein aufwendig geknüpfter Teppich, ein hölzerner Sekretär sowie Stühle und eine Chaiselongue mit blauem Samtbezug verleihen dem Loft musealen Charakter.

Ein Jugendstilfenster ist der Blickfang im grossen Saal. Drum herum hat Andreas Häner Sitzmöbel in Blautönen arrangiert. Wo man hinsieht, verstecken sich gesammelte Schätze aus vergangener Zeit, wie Vasen, Bilder und Lampen.

Das Jugendstilfenster im grossen Saal ist ein echter Blickfang. Wo man hinsieht, verstecken sich gesammelte Schätze aus vergangener Zeit.

Für ihn gelte nicht «weniger ist mehr», sondern «zu viel ist noch zu wenig». Mit Trödel oder Flohmarktfundstücken habe seine Sammelleidenschaft allerdings nichts zu tun: «Ich kaufe nur, was Qualität hat und auch in einem internationalen Museum stehen könnte.» Musealen Charakter hat die fertig eingerichtete Maisonettewohnung allemal: Wo man hinsieht, funkeln Blattgoldapplikationen, bringen antike Echtholzkommoden und mit Brokat und Samt bezogene Chaiselongues den Besucher zum Staunen. Auffällige Tapeten in funkelndem Gold oder Minzgrün sowie deckenhohe und grosszügig bestückte Regale machen den maximalistischen Stil perfekt.

«Ich liebe mein neues Zuhause – aber das Badezimmer ist mein Lieblingsraum», sagt Häner. Ein prunkvoller Kronleuchter aus Venedig hängt in der Mitte, zwei bodentiefe gegenüberliegende Wandspiegel lassen ihn endlos spiegeln. «Das ist mein eigener kleiner Spiegelsaal von Versailles», lacht er.

Gegensätze zulassen und ankommen

Damit Prunk und Kitsch im Versailles-Stil nicht erschlagen, hat er sich einen Interior-Designer aus Italien an die Seite geholt: «Dabei habe ich mich bewusst für einen Menschen entschieden, der radikal modern denkt und damit das komplette Gegenteil von mir ist», betont Häner. Die Kämpfe seien hart, lang und manchmal sogar laut gewesen. «Aber ich bin sehr dankbar und froh», schmunzelt er.

Durch schlichte Bücherregale und Metallgeländer behalten die Wohnräume einen Hauch von Industrial-Look. Und manche Räume, wie etwa die Küche, sind mit glatten, kantigen Oberflächen und klaren Formen und Farben hochmodern. «Ich finde, diese bewussten Stilbrüche machen mein Eigenheim dynamischer und spannender», sagt er.

Doch Fan von Historischem und Besonderem bleibt er natürlich: Bei ihm ist sogar die Untermieterin eine Besonderheit: In der 90 Quadratmeter grossen Einliegerwohnung, die im Rahmen des Umbaus entstanden ist, nächtigt eine «liebe Freundin», wie er sagt, aus ostpreussischem Hochadel.

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