Hinter einer Wiese und einem Zaun steht ein Haus mit einem begrünten Dach.
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Leben

Vorteile und Nachteile einer Dachbegrünung

Sira Huwiler-Flamm

Grüne Dächer haben viele Vorteile für Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer. Unsere Beispiele zeigen, wie eine Dachbegrünung zur Artenvielfalt beitragen kann und warum Sie damit Geld sparen.

Immer mehr Grün auf Schweizer Dächern

Sie kühlen im Sommer, dämmen im Winter, filtern Abgase und bieten Bienen, Schmetterlingen und Vögeln zusätzlichen Lebensraum in Städten: grüne Dächer. Potenzial für die Dachbegrünung bietet die Schweiz reichlich. «Bis zu 50 Quadratkilometer beträgt allein die Fläche von Flachdächern in der Schweiz», schätzt Dr. Stephan Brenneisen, Leiter der Forschungsgruppe Stadtökologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Doch auch Dächer mit einer Neigung bis zu 20 Grad können Eigenheimbesitzer kreativ und nach eigenem Geschmack bepflanzen.»

In Basel ist der Trend bereits angekommen: Rund 40 Prozent der Flachdächer in der Stadt sind begrünt. Und auch in Zürich nimmt die Zahl der grünen Dächer zu, meldet die Stadt. Es gibt aber noch Luft nach oben, weiss Brenneisen. Und das, obwohl es in grösseren Städten seit den 1990er-Jahren Pflicht ist, Neubauten ab einer gewissen Grösse zu begrünen.

Dabei ist die Idee der Dachbegrünung nicht neu. Schon der Künstler Friedensreich Hundertwasser war von dem Konzept des grünen Daches überzeugt, wie das Kunsthaus Wien im Grünen Museum zeigt. Er stellte sich eine natur- und menschengerechte Architektur vor, träumte sogar von einer üppigen Dachbewaldung. Ihm zu Ehren entstand Mitte der 1980er-Jahre in Wien das Krawina-Haus als eines der ersten Beispiele in Europa für Dach- und Fassadenbegrünung.

Auch der Schweizer Architekt Le Corbusier soll schon vor rund 100 Jahren gefragt haben: "Ist es nicht wider alle Logik, wenn eine ganze Stadtoberfläche ungenutzt und der Zwiesprache mit den Sternen vorbehalten bleibt?" Damit lag er schon damals goldrichtig, denn die Vorteile überwiegen die Nachteile deutlich.

In einer Siedlung stehen mehrere Reihenhäuser mit begrüntem Dach.

Ein begrüntes Dach ist äusserst langlebig: Experten schätzen, dass sich die Lebensdauer von 20 auf bis zu 40 Jahre verdoppelt.

Die Vorteile eines grünen Daches

1. Natürliche Klimaanlage

Weil das gespeicherte Regenwasser im Sommer verdunstet, spendet das grüne Dach an heissen Tagen Abkühlung – besonders in den oberen Geschossen.

2. Wärmedämmung

Ab einer Höhe von zwölf Zentimetern unterstützt die zusätzliche Schicht im Winter die Isolation und die Wärmedämmung. Dadurch bietet das grüne Dach sogar Energiesparpotenzial. Weil gerade ältere Häuser keine oder nur eine rund zehn Zentimeter dicke Dämmungsschicht haben, kann sich eine Dachgarten-Nachrüstung auch finanziell lohnen.

3. Niederschlagswasser(kosten) sparen

Weil Regenwasser verdunstet, statt in die Kanalisation zu gelangen, entlastet ein begrüntes Dach Kläranlagen und Siedlungsentwässerungssysteme um 50 bis 80 Prozent der Niederschlagsmenge – das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern birgt sogar ein wenig Sparpotenzial. Viele Gemeinden und Städte (zum Beispiel Basel und Bern) geben auf die Niederschlagswassergebühren (NW-Gebühr) 10 bis 50 Prozent Ermässigung – das sind 10 bis 45 Rappen pro Quadratmeter Dachbegrünung pro Jahr.

4. Schutz fürs Dach

Bei fachgerechter Montage durch einen Dachdecker schützt die grüne Abdichtung das Dach vor UV-Strahlen, Beschädigungen und stärkeren Temperaturschwankungen. Die Schweizerische Fachvereinigung Gebäudebegrünung (SFG) schätzt, dass sich die Lebensdauer eines Flachdaches im Schnitt von 20 Jahren auf bis zu 40 Jahre bei einem begrünten Dach verdoppelt.

5. Biologischer Luftfilter

Begrünte Dächer filtern Feinstaub sowie Schad- und Stickstoffe aus der Luft. Dadurch profitieren nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner des begrünten Hauses von einer besseren Luftqualität, sondern auch die gesamte Nachbarschaft.

6. Oase für Vögel und Insekten

Blühende Dächer bieten Insekten Nahrung und Vögeln Brutgebiete. Dass Dachbegrünungen auch seltenen Pflanzen und Tieren Lebensraum bieten, zeigen beispielsweise die blühenden Orchideenwiesen auf dem Dach des Seewasserwerks Moos in Zürich Wollishofen – hier entdeckten Biologen 20 Spinnenarten. Auf dem Dach der Migros-Betriebszentrale in Gossau SG wurden wiederholt vom Aussterben bedrohte Kiebitze gesichtet. Und die innovativen Imker des Start-ups Wabe 3 machen sogar Grossstadt-Honig mitten in Zürich: All ihre Bienenvölker sind auf begrünten Flachdächern stationiert.

Nahaufnahme eines begrünten Daches mit Bäumen im Hintergrund.

Gut für die Umwelt: Das Regenwasser von begrünten Dächern verdunstet, anstatt Kläranlagen und Entwässerungssysteme zu belasten.

Die Nachteile der Dachbegrünung

1. Pflege und Wartung

Damit die Abflüsse funktionstüchtig bleiben und unerwünschte Pflanzen nicht überhandnehmen, empfehlen Expertinnen und Experten rund zwei Pflegerundgänge im Jahr. Eine extensive Dachbegrünung mit Sukkulenten, Moosen, Gräsern und Sedum braucht nicht viel mehr Pflege als regelmässiges Unkrautzupfen. Wenn die Abflüsse nicht verstopft und alle Schichten fachmännisch verlegt seien, sei die Gefahr eines Wasserschadens vom Dach durch die Begrünung sehr gering, so der Experte Stephan Brenneisen.

2. Investitionskosten

Egal ob Sie neu bauen oder Ihr altes Dach, die Garage, das Gartenhäuschen oder den Carport nachträglich begrünen wollen, die Investitionskosten sind hoch. Neben den Kosten für die Pflanzen selbst kommen noch eine Wurzelschutzfolie, eine Dränschicht, ein Filtervlies und ein Pflanzsubstrat dazu. Experte Stephan Brenneisen schätzt den gesamten Preis auf rund 20 Franken pro Quadratmeter Dachbegrünung. Da Sie mit dem Dachgarten aber in vielen Bereichen sparen können, beispielsweise durch eine längere Dachhaltbarkeit, eine bessere Isolation und oft auch geringere Niederschlagswasserkosten, zahlen sich die anfänglichen Kosten langfristig aus.

Begrünte Dächer auf einer Hochhaus-Siedlung; im Hintergrund sind weitere Häuser zu sehen, im Vordergrund stehen Bäume.

In einigen grösseren Städten, zum Beispiel in Zürich, ist es sogar Pflicht, Neubauten ab einer gewissen Grösse zu begrünen.

Grüne Oasen auf dem Dach schaffen Lebensqualität

Neben den praktischen Vorteilen schaffen grüne Dächer auch eine stimmungsvolle Atmosphäre in der Stadt – da hätte Hundertwasser Le Corbusier sicher zugestimmt: "Dass sich sogar ein knallharter Praktiker wie Le Corbusier und ein idealistischer Ästhet wie Hundertwasser bei dem Thema Dachbegrünung einig sind, zeigt: Das sollten wir annehmen und für uns umsetzen", sagt Stadtökologe Stephan Brenneisen. "Grüne Dächer haben enormes Potenzial, der Natur ein Stück zurückzugeben und uns Menschen eine bessere Lebensqualität zu schenken."

Wenn wir jetzt Ihr Interesse an einem bepflanzten Dach geweckt haben, finden Sie hier einige tolle Ideen für die eigene grüne Oase auf statt neben dem Haus.

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